Jagdwissen

Hirschbrunft im September: Rotwild im Ausnahmezustand richtig bejagen

Zurück zum Blog

Es gibt wenige Momente im Jagdjahr, die so unter die Haut gehen wie das erste Röhren an einem kalten Septembermorgen. Die Rotwildbrunft ist das große Naturschauspiel unserer Wälder, und für Jäger ist sie zugleich eine der anspruchsvollsten Zeiten überhaupt. Denn ausgerechnet dann, wenn das Wild am auffälligsten ist und sich scheinbar am leichtesten bejagen lässt, entscheidet sich, ob im Revier Ruhe bleibt oder ob eine ganze Brunft auseinanderfällt. Dieser Beitrag ordnet ein, was in diesen Wochen biologisch passiert und was daraus jagdlich folgt.

Zeitraum und Auslöser

In Mitteleuropa beginnt die Paarungszeit des Rotwildes Anfang September und dauert etwa fünf bis sechs Wochen. Der Höhepunkt liegt meist zwischen Mitte September und Mitte Oktober, wobei Höhenlage, Witterung und Bestandsstruktur den Verlauf deutlich verschieben können. In tiefen Lagen läuft die Brunft in der Regel früher an als im Bergland.

Der Auslöser ist keine Frage der Temperatur, sondern der Tageslänge. Über die abnehmende Lichtmenge werden hormonelle Prozesse angestoßen, die den Hirsch aus der Feistzeit heraus in den Brunftzustand bringen. Schon Ende August steigt der Testosteronspiegel spürbar, die Hirsche werden unruhig, lösen sich aus ihren Rudeln und beginnen zu wandern.

Was die Brunft dem Hirsch abverlangt

Während der Brunft nehmen die Hirsche praktisch keine Nahrung mehr auf. Sie schlafen wenig, sind ständig in Bewegung und verteidigen ihr Kahlwildrudel gegen Nebenbuhler. Der körperliche Preis dafür ist erheblich: Manche Hirsche verlieren in diesen Wochen bis zu einem Viertel ihres Körpergewichts. Wer im Oktober einen ausgebrunfteten Hirsch vor sich hat, sieht die Spuren dieser Wochen unmittelbar am Wildkörper.

Was am Brunftplatz passiert

Die reifen Hirsche verlassen ihre Verbände und suchen die Kahlwildrudel auf. Dabei finden sie sich an traditionellen Brunftplätzen ein, oft dieselben Einstände über Jahre hinweg. Dort zeigt der Hirsch das typische Repertoire: das Röhren, das Markieren mit Urin und das Verlagern des Rudels.

Besonders charakteristisch sind die Brunftkuhlen. Der Hirsch wühlt mit den Vorderläufen eine Erdkuhle auf, uriniert hinein und wälzt sich darin. Über den Harn scheidet er Duftstoffe aus, die das Paarungsverhalten des Kahlwildes beeinflussen und gleichzeitig anderen Hirschen die Anwesenheit eines Platzhirsches signalisieren. Wer eine frische, nasse Brunftkuhle findet, weiß, dass er im aktiven Zentrum des Geschehens steht.

Das Röhren selbst ist mehr als Imponiergehabe. Es ist ein akustischer Kräftevergleich, der viele Auseinandersetzungen entscheidet, bevor es überhaupt zum Kampf kommt. Erst wenn zwei Hirsche sich stimmlich nicht einschätzen können, kommt es zum Beschreiten und im Zweifel zum Kampf, der für beide gefährlich werden kann.

Die Rollen im Brunftgeschehen

  • Der Platzhirsch hält das Kahlwildrudel und verteidigt es. Er ist der lauteste und der am stärksten beanspruchte Hirsch am Platz.
  • Beihirsche halten sich am Rand auf, warten auf Gelegenheiten und ziehen oft weiter, wenn der Platzhirsch stark genug ist.
  • Das Kahlwild bestimmt den Ablauf mehr, als es auf den ersten Blick wirkt. Die Alttiere führen das Rudel, und ihre Bewegungen entscheiden, wohin der Brunftplatz wandert.
  • Junge Hirsche beteiligen sich vor allem am Rand des Geschehens und lernen. Sie sind es auch, die bei Störungen zuerst reagieren und das Rudel unruhig machen.

Rothirsch am Waldrand, Platzhirsche verteidigen während der Brunft ihr Kahlwildrudel gegen Nebenbuhler

Jagdzeiten und Landesrecht

Nach dem Bundesrahmen liegt die Jagdzeit für Rotwildhirsche vom 1. August bis zum 31. Januar, für Kahlwild ebenfalls vom 1. August bis zum 31. Januar und für Kälber vom 1. August bis zum 28. Februar. Die Brunftzeit fällt damit vollständig in die Jagdzeit.

Entscheidend ist aber das Landesrecht, und beim Rotwild weicht es besonders stark ab. In mehreren Bundesländern darf Rotwild ausschließlich in ausgewiesenen Rotwildgebieten bejagt werden, teils mit sehr engen Vorgaben. Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg sind Beispiele für strenge Regelungen, Niedersachsen kennt regional unterschiedliche Vorgaben. Dazu kommen Abschussplan, Altersklassen und in vielen Ländern eine Freigabe durch die Hegegemeinschaft. Einen Überblick über die Länderabweichungen findest du in unserem Beitrag zu den Jagdzeiten in Deutschland. Verbindlich ist immer die Verordnung des Landes, in dem der Schuss fällt.

Vor dem Ansitz klären

Prüfe vor der Brunft, welche Hirsche in welcher Altersklasse in deinem Revier freigegeben sind, ob eine Freigabe der Hegegemeinschaft vorliegt und welche Meldepflichten nach dem Abschuss gelten. Beim Rotwild ist der Fehlabschuss in einer gesperrten Altersklasse ein ernstes Problem, jagdrechtlich wie im Verhältnis zu den Nachbarrevieren. Im Zweifel lässt man den Hirsch ziehen.

Ansprechen unter Brunftbedingungen

Die Brunft ist wildbiologisch faszinierend, für das Ansprechen aber tückisch. Drei Effekte machen es schwerer als sonst:

Erstens täuscht der Körperzustand. Ein Hirsch, der zwei Wochen nichts geäst hat, wirkt schmaler und älter, als er ist. Umgekehrt kann ein noch frischer, gerade eingetroffener Hirsch massiger erscheinen. Wer allein nach Körperfülle urteilt, liegt in der Brunft regelmäßig daneben.

Zweitens täuscht die Stimme. Die Lautstärke sagt wenig über das Alter aus. Junge, kräftige Hirsche können sehr laut röhren, während ein reifer Hirsch, der sein Rudel sicher hält, phasenweise auffallend still bleibt.

Drittens täuscht die Situation. Am Brunftplatz herrscht Bewegung, oft in schlechtem Licht und mit mehreren Stücken gleichzeitig im Blickfeld. Genau in dieser Lage entstehen Fehlansprachen. Nimm dir die Zeit, das Geweih in Ruhe durchzuzählen, den Kopf und die Halspartie zu beurteilen und den Hirsch mehrfach zu bestätigen, bevor du an den Abzug denkst.

Am Brunftplatz ist Geduld keine Tugend, sondern Technik. Wer wartet, sieht mehr und spricht sicherer an.

Warum Zurückhaltung sich auszahlt

Der wichtigste Grundsatz der Brunftjagd ist zugleich der am schwersten einzuhaltende: möglichst wenig Unruhe hineintragen. Ein Brunftplatz ist ein empfindliches Gefüge. Wird er mehrfach gestört, wandert das Rudel ab, oft über Reviergrenzen hinweg, und die Brunft verlagert sich in schwer bejagbare Bereiche oder in die Nacht.

Praktisch heißt das: wenige, gut gewählte Ansitze statt täglicher Präsenz. Anmarschwege so legen, dass der Wind stimmt und der Brunftplatz nicht gequert wird. Nicht mit mehreren Jägern gleichzeitig um denselben Platz herum sitzen. Und beim Rufen sehr sparsam sein, denn ein falsch platzierter Ruf verrät nicht nur die Position, sondern kann auch einen Hirsch abziehen lassen, statt ihn heranzuholen.

Ebenso wichtig: Die Brunft ist nicht der richtige Zeitpunkt für die Kahlwildbejagung am Brunftplatz. Ein Schuss auf Kahlwild mitten im Rudel sprengt das Gefüge und macht den Platz oft für den Rest der Brunft unbrauchbar. Der Schwerpunkt der Kahlwildbejagung liegt sinnvollerweise danach, wenn sich die Rudel wieder beruhigt haben.

Sicherheit und Verhalten in der Brunft

Brunftige Hirsche sind unberechenbar und in Ausnahmefällen angriffslustig. Halte Abstand, dränge dich nie zwischen einen Hirsch und sein Rudel und gib dich rechtzeitig zu erkennen, wenn ein Hirsch dich nicht wahrgenommen hat. Das gilt genauso für Wildbeobachter und Fotografen, die im September in den bekannten Brunftgebieten unterwegs sind. Wenn du im Revier auf solche Gruppen triffst, ist ein ruhiger Hinweis meist wirksamer als ein Konflikt.

Was du in diesen Wochen dokumentieren solltest

Die Brunft ist die informationsreichste Zeit des Jagdjahres. In wenigen Wochen zeigt sich das Rotwild so offen wie sonst nie, und die Beobachtungen dieser Tage sind die beste Grundlage für die Abschussplanung und für die Abstimmung in der Hegegemeinschaft.

Sinnvoll festzuhalten sind die Lage und Aktivität der Brunftplätze, Beginn und Höhepunkt des Röhrens im eigenen Revier, die angesprochenen Hirsche mit geschätzter Altersklasse und Geweihbild, die Größe der Kahlwildrudel und das Verhältnis von Alttieren zu Kälbern. Gerade der Kälberanteil ist nach einem trockenen Sommer eine wichtige Kennzahl, weil er zeigt, wie stark der Nachwuchs tatsächlich ausgefallen ist.

In Waidly erfasst du diese Beobachtungen mit Datum, Uhrzeit und Standort direkt vor Ort, dazu jede Erlegung mit Alter, Gewicht und Wildart. Weil Rotwild großräumig zwischen Revieren wechselt, ist eine reviergenaue, datierte Aufzeichnung auch für die Zusammenarbeit über die Grenze hinweg wertvoll; dazu passt unser Beitrag über Hegegemeinschaften und wandernde Hirsche.

Die Brunft geht schnell vorbei. Wer sie mit Ruhe angeht, sauber anspricht und mitschreibt, was er sieht, nimmt aus diesen Wochen mehr mit als eine Trophäe: nämlich ein belastbares Bild vom Rotwild im eigenen Revier.

Beobachtungen aus der Brunft festhalten

Mit Waidly erfasst du Brunftplätze, Beobachtungen und Erlegungen mit Datum, Uhrzeit und Standort direkt im Revier. So hast du für Abschussplanung und Hegegemeinschaft belastbare Daten statt Erinnerungen.

Waidly im App Store laden Waidly bei Google Play laden